27.01.2020

Internationaler Holocaust Gedenktag

Gedenkstunde zum Internat. Holocaustgedenktag der Vereinten Nationen am 27. 1. 2020 in Linz

Berührendes Zeitzeugeninterview mit dem Überlebenden der NS-Zeit Univ.-Doz. Dr. Harry Merl

Der renommierte Psychiater und Begründer der systemischen Familientherapie in Österreich, Dr. Harry Merl, sprach am 27. Jänner 2020 im Alten Linzer Rathaus über seine Kindheit als jüdisches „U-Boot“ während der NS-Zeit. Auf Einladung der Österreichischen Freunde von Yad Vashem und der Stadt Linz waren 135 Gäste zur Gedenkstunde ins Pressezentrum gekommen, wo Harry Merl seinem Enkel Pascal ein bewegendes Interview gab. Der weitum bekannte Experte scheute sich nicht, das Publikum in sein Herz blicken zu lassen. Seine Schilderungen des erlebten Grauens hinterließen bei seinen Zuhörern bleibenden Eindruck.


Nach der Begrüßung zahlreicher Ehrengäste – unter ihnen Landtags-Präsidentin Weichsler-Hauer, die Bischöfe Dr. Scheuer und Dr. Aichern, die Vertreterin der IKG, Dr. Mitgutsch, mehre Politiker, Bildungsexperten und Vertreter von Wirtschaft, Kunst und Kultur – hob der Vorsitzende des Freundeskreises, Günther Schuster, hervor, dass dieser Tag der Erinnerung Anlass sei, Wahrheit und Gerechtigkeit im eigenen Handeln zu überprüfen und eine entsprechende Haltung einzunehmen. Die Lebensgeschichten von Überlebenden der Nazidiktatur würden dabei helfen, den richtigen Blick zu wahren.


Die Linzer Vizebürgermeisterin Mag.a Karin Hörzing bezeichnete es als unverständlich, dass es immer noch Menschen gebe, die die Gräuel des Holocaust und die Menschenvernichtung der Nationalsozialisten leugnen. Sie zitierte eine junge Deutsche, die bei einer Befragung meinte, sie sehe sich nicht als Schuldige am Holocaust, aber sie würde sich in Zukunft als Täterin fühlen, wenn sie nicht beständig mahnen würde, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

 


Im anschließenden Interview mit seinem Enkel Pascal berichtete Dr. Merl zunächst über seine Kindheit in Wien. Nach dem „Anschluss“ mussten seine jüdischen Eltern Zwangsarbeit verrichten. Er habe als Vierjähriger tagsüber oft bis zu 14 Stunden lang alleine in der Wohnung bleiben müssen. Sichtlich bewegt sprach er von Bildern, die er nie vergessen könne: Von seinem weinenden Vater, als die Großeltern deportiert wurden; von einer Kindheitsfreundin, die plötzlich nicht mehr wiederkehrte, weil sie in den Tod geschickt worden war. Später, als er das Schulalter erreicht hatte, habe er als jüdisches Kind keinen Unterricht besuchen dürfen. Ein Halt in jener Zeit sei das Buch „Dr. Doolittle und seine Tiere“ gewesen – sein bestes Lehrbuch, wie Dr. Merl heute sagt. Es habe in ihm den tiefen Wunsch geweckt, so ein Helfer ohne Vorbehalte zu werden wie der Protagonist des Buches. Doch noch waren die Schrecken der NS-Herrschaft nicht ausgestanden. Die Familie erfuhr, dass die SS sie abholen und deportieren wollte, konnte sich aber rechtzeitig absetzten und monatelang in einem Kohlenkeller verstecken. Schließlich wurden die Merls von der Roten Armee befreit. Die Körper ermordeter Juden auf den Straßen, die zu einem Haufen aufgetürmt waren, brannten sich tief in die Erinnerung des Elfjährigen ein. Dr. Merls weiterer Lebensweg war geprägt von seinem Motto, dass es auch eine Auferstehung in diesem Leben gebe: Ein Aufstehen und Weitergehen auch nach schlimmsten Schicksalsschlägen. Bis heute steht der renommierte Psychiater und Therapeut im Dienst der Menschen. Er, der mit knapper Not überlebte, hilft als 85-jähriger auch heute noch schwer traumatisierten Opfern zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Die Gedenkstunde wurde musikalisch virtuos umrahmt von Mirjam Vesthi-Arthofer an der Querflöte und ihrem Mann Besmir Veshti am Piano. Der Abend fand bei vielen nachdenklichen und angeregten Gesprächen einen späten Ausklang.