02.03.2015

Generalversammlung 2015

12. Generalversammlung der Österreichischen Freunde von Yad Vashem

Am 2. März fanden sich mehr als 250 Mitglieder und Förderer der Österreichischen Freunde von Yad Vashem zur Generalversammlung 2015 im Festsaal der Akademie der Wissenschaften in Wien ein – unter ihnen Sozialminister Rudolf Hundstorfer, Israels Botschafter Zwi Heifetz und Botschafter Dr. Wolfgang Waldner, Sektionschef im österreichischen Außenministerium. Er war in Vertretung von Außenminister Sebastian Kurz gekommen. Die Festrede hielt der Chefhistoriker und akademische Direktor der Forschungsabteilung in Yad Vashem, Professor Dr. Dan Michman. Unter den vielen prominenten Gästen konnten Ungarns Botschafter Dr. János Perényi, NRAbg. Mag.a Alev Korun, Gewerkschaftspräsident Erich Foglar und Yad Vashems Europadirektor Arik RavOn begrüßt werden. Dieses Jahr stand auch die Neuwahl des Vorstands an. Das amtierende Leitungsorgan der Österreichischen Freunde von Yad Vashem wurde mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt.
In einer filmischen Hommage wurde unserer im August 2014 verstorbenen Ehrenpräsidentin Mag.a Barbara Prammer gedacht. Der Film zeigte ihr Engagement für Yad Vashem und den österreichischen Freundeskreis.

Viele der Grußworte und Reden standen unter dem Eindruck der Terroranschläge auf Juden in Paris, Brüssel und Kopenhagen.
Für den Vorsitzenden des Freundeskreises, Günther Schuster, zeige sich, dass 70 Jahre nach der Befreiung der Insassen von Auschwitz wieder der Antisemitismus in Europa grassiere. Wieder würden Juden verfolgt und ermordet, wieder seien sie mitten in Europa ihres Lebens nicht mehr sicher und müssten Exilpläne schmieden. Der Antisemitismus sei auch 70 Jahre nach Auschwitz nicht nur nicht tot, sondern erschreckende Realität in unserer Zeit. Es stelle sich ernsthaft die Frage nach der menschlichen Lernfähigkeit, so Schuster. Ausufernder Nationalismus und Fremdenhass, aggressiver Rassismus und offen auftretender Antisemitismus könne niemanden gleichgültig lassen. Der Vorsitzende rief dazu auf, Stellung zu beziehen.
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Botschafter Dr. Wolfgang Waldner dankte in seinen Grußworten dem Vorstand und allen Mitarbeitern  im Namen des Außenministers für ihre unermüdliche Arbeit. Es sei enorm wichtig, dass es in Österreich eine solch engagierte Gruppe gebe. Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus seien besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit vermehrt auftretende Phänomene. Diese Einschätzung dürfe aber nicht dazu führen, sie einfach als Gegebenheiten hinzunehmen. Angesichts der großen Verunsicherung nach den jüngsten Anschlägen sei es ein Gebot der Stunde, besondere Aufmerksamkeit den jüdischen Gemeinden in Österreich und in Europa zu widmen. Die jüdischen Gemeinden hätten nicht nur den Anspruch auf umfassende Sicherheit, sie sollten darüber hinaus auch wachsen, stärker und stabiler werden. Ein Europa ohne Juden wäre nicht Europa, so Waldner.    Rede anhören-->

Israels Botschafter Zwi Heifetz würdigte zuerst die verstorbene Ehrenpräsidentin des Freundeskreises. Er habe Barbara Prammers tiefes Verständnis und ihre Hingabe bewundert, mit der sie sich gegen das Vergessen stellte. Sie war eine außergewöhnliche Frau gewesen. Der Staat Israel sei gegründet worden, um sicherzustellen, dass ein solcher Schrecken wie die Shoa nie wieder passiere. Dennoch erlebe man nun wieder einen Aufstieg des Antisemitismus. Die jüngsten Ereignisse in Paris, Brüssel und Kopenhagen seien lediglich die gewalttätigsten. Aber Österreich sei auch keine Ausnahme, hier hätten sich die antisemitischen Vorfälle innerhalb des vergangenen Jahres fast verdoppelt. Daher werde die Arbeit der Österreichischen Freunde von Yad Vashem immer bedeutsamer und entscheidender. Israel würdige, was der Freundeskreis tue, so Heifetz, der sich ausdrücklich für die Arbeit bedankte.   Rede anhören-->

Sozialminister Rudolf Hundstorfer betonte, dass eine Aufarbeitung der Vergangenheit nur dann erfolgreich sei, wenn sie nicht nur akademisch praktiziert werde, sondern wenn sie in die Gesellschaft getragen werde und anziehend sei. Dies sei es, was die Österreichischen Freunde von Yad Vashem täglich tun, so Hundstorfer. Er sei als erster österreichischer Sozialminister offiziell in Israel gewesen und habe dabei auch Yad Vashem besucht. Dort werde sofort klar, dass das Erinnern niemals aufhören dürfe, dass es nie genug sei, dass man niemals die bequeme Decke des Vergessens über dieses größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte ausbreiten dürfe. Und dort drängten sich einem auch die Fragen auf: Was hätte ich gemacht, wenn ich damals gelebt hätte? Wäre ich Mitläufer geworden, wäre ich Täter geworden? Hätten sich meine Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen? Yad Vashem könne auf solch quälende Fragen keine Antworten geben. Aber der Gedenkort leiste einen unschätzbaren Beitrag dafür, dass sich niemand mehr darüber hinweglügen könne, welche Folgen rassistische und antisemitische Hetze nach sich ziehen. Jeder einzelne trage Verantwortung dafür, gegen derartige Verhetzungen anzukämpfen.  Rede anhören-->

Europadirektor Arik RavOn würdigte das Engagement des österreichischen Freundeskreises und gab Einblick in die Arbeit von Yad Vashem Jerusalem.

Der Festredner des Abends, Yad Vashems Chefhistoriker Dr. Dan Michman, ging in seinem wissenschaftlichen Vortrag der Frage nach, warum sich die beiden Begriffe „Shoa“ und „Holocaust“ für die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden durchgesetzt haben. Unmittelbar nach 1945 waren viele andere Bezeichnungen dafür verwendet worden, etwa Kataklysmus, oder von den Überlebenden selbst „Massaker einer Nation“ (Tevah Am), „Tage/Jahre des Zorns“ (Yemei/Shenot Haza’am), „Ausrottung“ (Umkum) oder die „Hitler-Tekufe“, die Hitlerzeit. Keiner dieser Begriffe sei dazu bestimmt gewesen, um spezifisch das Schicksal der Juden zu bezeichnen. Das Wort „Holocaust“, das aus dem Griechischen stammt, sei Ende der 1950er Jahre aufgekommen – vor allem im englischsprachigen Raum, wo seit 1945 der größte Teil der Juden lebt. Der Begriff „Holocaust“ sei aber nicht von jüdischen Überlebenden oder aus den traditionellen jüdischen Kreisen hervorgegangen, sondern  Teil eines uralten europäischen Vokabulars gewesen. Die hebräischen Begriffe „Shoa“ und „Hurban/Churbn“ seien im internen jüdischen Diskurs auf die gesamte Nazizeit seit 1933 angewendet worden. In der jüdischen Gemeinschaft in Palästina seien die eskalierenden katastrophalen Verfolgungen in Europa damit bezeichnet worden. Der Begriff sei kontinuierlich mit zusätzlicher Bedeutung belastet worden – je mehr Neuigkeiten über die sich ausweitenden Verfolgungen einströmten. Erst seit 1945 sei der Begriff „Shoah“ der jüdischen Katastrophe vorbehalten, als die „ultimative Katastrophe“. Aber „Shoah“ und „Holocaust“ waren nicht die Begriffe der Überlebenden, so Yad Vashems Chefhistoriker Dan Michman.  Rede anhören-->

Manuskript des Vortrags in deutscher Sprache-->

Die musikalische Umrahmung kam vom virtuosen Ensemble Klesmer Wien. Die Versammlung fand bei einem köstlichen Buffet und ermutigenden, konstruktiven Gesprächen ihren Ausklang.