Generalversammlung der österreichischen Freunde von Yad Vashem 2014

Akademie der Wissenschaften | Wien

Montag, 31. März 2014

Die heurige Generalversammlung fand im festlichen Rahmen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien statt. Festredner war der bekannte Hamburger Sozialforscher, Literaturwissenschaftler und Philosoph Univ.-Professor Dr. Jan Philipp Reemtsma. 250 Mitglieder, Förderer und Gäste nahmen an der Versammlung teil – allen voran die Ehrenvorsitzende des Freundeskreises, Nationalratspräsidentin
Mag.a Barbara Prammer. Aus Yad Vashem waren der Direktor für Internationale Beziehungen, Shaya BenYehuda sowie Europadirektor Arik RavOn gekommen.

Präs.Zeilinger
Präsident Zeilinger

Univ.-Prof.Dr.DDr.h.c. Anton Zeilinger, Präsident der Akademie der Wissenschaften, betonte in seiner Begrüßungsrede die Rolle Yad Vashems als Erinnerungsstätte von weltweiter Bedeutung. Erinnerung beinhalte zu wissen, woher man kommt und sei eine essenzielle Voraussetzung für zukunftsgerichtetes Handeln. Dies gelte auch für die österreichische Gesellschaft. Ihn habe die Notwendigkeit des Erinnerns dazu geführt, sich mit der Geschichte der Akademie während der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Präsident Zeilinger bedankte sich auch für die Initiativen der Österreichischen Freunde von Yad Vashem. 

Vors.Schuster
Vors. Schuster

Der Vorsitzende des Freundeskreises, Günther Schuster, bezeichnete die Generalversammlung als gute Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen,  die das gleiche Anliegen verbindet: nämlich, Verantwortung für das Heute und das Morgen zu übernehmen, eingedenk der schrecklichen NS-Vergangenheit unseres Landes.  Das Geschehene könne man nicht ändern, doch für die Zukunft gelte es, für Gerechtigkeit und Menschenwürde in allen Lebensbereichen einzutreten. Dieses Anliegen verfolge auch die Ausstellung des Freundeskreises über die österreichischen „Gerechten unter den Völkern“, die im Herbst 2013 mit großem Erfolg in Steyr eröffnet wurde und ab 28. April 2014 in Graz zu sehen ist.

BenYehuda
Shaya BenYehuda

Yad Vashems Direktor für internationale Beziehungen, Shaya Ben Yehuda, berichtete in seinen Grußworten über ein Gespräch mit einem Holocaust-Überlebenden, dessen Onkel dank seiner nichtjüdischen Braut überlebt hatte. Auf die Frage, warum die Frau bisher nicht als Gerechte unter den Völkern anerkannt worden sei, habe der Überlebende geantwortet, dass seine Familie das Stigma fürchte, im Holocaust Juden gerettet zu haben. Direktor Ben Yehuda rief dazu auf, gemeinsam mit Yad Vashem und seinem österreichischen Freundeskreis daran zu arbeiten, dass auch weiterhin über die Shoah gesprochen wird. Es gilt, Antisemitismus und Hass auf Minderheiten zu bekämpfen, um sicherzustellen, dass die Familien der Gerechten in der Öffentlichkeit mit Respekt und  Anerkennung behandelt werden.

NR-Präs. Prammer

Die Ehrenpräsidentin des Freundeskreises, Nationalratspräsidentin Mag.a Barbara Prammer bedankte sich in ihrer Ansprache besonders beim Vorsitzenden und der Generalsekretärin, Günther und Ulrike Schuster, „ ohne die der Verein nicht das geworden wäre, was er heute ist“. Ihr sei es ein Herzensanliegen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, ohne „auf einem Auge blind“ zu sein. Immer, wenn sie im Parlament mit Jugendlichen zusammenkomme, sage sie zu ihnen: „Schaut auf den Boden, schaut auf eure Füße. Egal, wo ihr steht, ihr steht auf historischem Boden!“ Die Vergangenheit könne man sich nicht aussuchen. Man dürfe auch die schlechten Zeiten nicht ausblenden, sondern müsse sich mit der Geschichte auseinandersetzen, um den heute existierenden demokratischen Staat weiter zu entwickeln. Solange noch die Chance bestehe, Überlebende zu befragen, sollte diese auch genützt werden, so Präsidentin Prammer.

Prof. Reemtsma
Univ.-Prof. Reemtsma

Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete der fesselnde Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, Vorstand des Instituts für Sozialforschung in Hamburg.  Mit folgenden Worten lud er zum Besuch von Yad Vashem ein: „Wenn Sie die Welt verstehen wollen, die Welt in der Sie leben, die einzige Heimat; wenn Sie Ihre Mitbewohner verstehen wollen, die Menschheit – der einzige Verein, aus dem man nicht austreten kann – dann sollten Sie dorthin gehen!“

Es gebe viele Orte, an denen man sich mit dem Holocaust konfrontieren könne. Aber Yad Vashem sei der Ort, an dem es am deutlichsten werde, welche Facetten dieses Geschehen hatte: das ungeheure Leid der Millionen; die Gesichter Einzelner; viele Dokumente und erhalten gebliebene Beweisstücke. Doch es gehe nicht um Quantität, sondern darum, zu begreifen was dieses Leid gewesen ist. Man verstehe viel zu wenig, wenn man sich nicht der kognitiven Überforderung stelle, die die Shoah darstellt. Das Wort „unvorstellbar“ sage nichts und sei gleichzeitig falsch. Es sei ja geschehen und daher vorstellbar, so Professor Reemtsma.
Download: Vortrag auf Hebräisch (üs:Jacob Klein)

Der Sprachwissenschaftler setzte sich auch kritisch mit dem Begriff „Zivilcourage“ im Zusammenhang mit den „Gerechten unter den Völkern“ auseinander. Der Begriff sei auf eine bestimmte Form von Mut gemünzt, den Status des Bürgers zu verteidigen oder zu erkämpfen. Wer Zivilcourage zeige, habe Mut: er könnte es auch lassen und bequemer ohne ihn leben. Doch die Geschichten der Gerechten seien keine Geschichten der Zivilcourage. Mut bedeute, dass man die Wahl hat, es auch bleiben zu lassen. Aber das sei bei den Gerechten anders gewesen. Als einer von ihnen gefragt wurde, warum er unter Lebensgefahr Juden gerettet hatte, sagte er: „Ich musste es einfach tun!“. 

Wir Menschen wüssten über uns selbst längst nicht alles, so Professor Reemtsma: „Vor Auschwitz haben wir nicht gewusst, dass der Mensch auch das sein kann. Die Gerechten unter den Völkern zeigen uns, dass der Mensch auch das sein kann.“ Wir seien Menschen und könnten das oder das sein, wir hätten die Wahl. Doch diejenigen, die eine Wahl getroffen haben, wie die Gerechten unter den Völkern, sagten uns, dass sie keine Wahl gehabt hätten: „Sie konnten nicht anders. Sie haben getan, was sie für selbstverständlich hielten. Sie sind Ausnahmen - unter allen Völkern, unter den Menschen. Aber sie sind das Selbstverständliche!“

Das Ensemble Timna Brauer und Elias Meiri sorgte für eine außergewöhnliche musikalische Umrahmung.

Nach der Veranstaltung gab es in der Aula der Akademie der Wissenschaften beim kalten Buffet noch viele angeregte Gespräche. Neue Kontakte wurden geknüpft und gemeinsame Projekte geplant.

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