27.01.2014

Internationaler Holocaust-Gedenktag der Vereinten Nationen

Ein außergewöhnlicher Zeitzeugenbericht hat am 27. Jänner 2014 so viele Gäste wie noch nie zur Gedenkstunde anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages nach Linz gelockt. Im Alten Linzer Rathaus sprach der bekannte TV-Journalist und Osteuropa-Experte Prof. Paul Lendvai zum ersten Mal öffentlich über sein Schicksal als Holocaust-Überlebender. 200 Gäste lauschten im vollbesetzten Pressezentrum der Stadt Linz den bewegenden und sehr persönlichen Schilderungen des Mannes, der einem breiten Publikum durch seine Osteuropa-Analysen im Fernsehen bestens bekannt ist. Zum Video...

 

Der Linzer Bürgermeister MMag. Klaus Luger hatte auch heuer wieder die Tore des Alten Rathauses für die gemeinsame Gedenkstunde geöffnet. Luger drückte in seiner Begrüßungsansprache seine tiefe Verbundenheit zu den Österreichischen Freunden von Yad Vashem aus und schilderte auch seine eigenen Empfindungen bei seinem Besuch der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte. Der Bürgermeister der oberösterreichischen Landeshauptstadt unterstrich auch die Bedeutung der Gedenkstunde ausgerechnet in dem Haus, von dessen Balkon einst Adolf Hitler den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündet hatte.

 

Vor einem überaus gespannten Publikum berichtete daraufhin der Ehrengast des Abends, Prof. Paul Lendvai, über sein Schicksal im Holocaust. Er rede zum ersten Mal öffentlich darüber, so Lendvai, und er werde dies wohl nie mehr wieder tun, denn der Holocaust sei eine tiefe Wunde. Der gebürtige Ungar war 14 Jahre alt, als deutsche Truppen im März 1944 in seiner Heimatstadt Budapest einmarschierten. Paul Lendvai erinnert sich, dass er von seinem Vater eine Ohrfeige bekam, weil er sich an diesem Tag unerlaubt das Fußballspiel Ferencvaros Budapest gegen Rapid Wien angeschaut hatte. Lebensgefährlich sei das gewesen, so Lendvai.

In den darauf folgenden Wochen begannen die Deportationen ungarischer Juden in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Hunderttausende wurden in Viehwaggons gepfercht, nach Auschwitz-Birkenau oder andere Todeslager gebracht und ermordet. Paul Lendvai verlor 29 Familienangehörige. Im Oktober 1944 wurde der inzwischen 15jährige mit tausenden anderen auf einen Todesmarsch geschickt. Zusammen mit einem 17jährigen Burschen gelang ihm die Flucht aus der Kolonne. Die beiden rissen sich den Judenstern von der Kleidung und fuhren mit dem Zug zurück – ohne Fahrkarte.

In Budapest suchte Lendvai ein Schweizer Schutzhaus auf und bekam dort einen Schweizer Schutzpass – ob Original oder Fälschung, könne er nicht sagen, doch: der Jugendliche überlebte die Schrecken der Shoah. Lendvai schilderte auch eindrücklich seinen Lebensweg nach dem Krieg, der ihn schließlich – nach einer Verhaftung in Ungarn – auf abenteuerliche Weise über Warschau nach Wien führte. In seiner ehemaligen Heimat könne er heute nicht mehr leben, so Lendvai auch angesichts der politischen Entwicklung in Ungarn. Dieses sei zwar sein Geburtsland, aber zuhause sei er in Wien. Österreich habe aus der Geschichte gelernt, so Lendvai. Was heute in Ungarn passiere, wäre hier nicht möglich.


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Die Gedenkstunde wurde vom Kinderchor des Landestheaters Linz musikalisch beeindruckend umrahmt. Das Ensemble präsentierte Auszüge aus der Kinderoper „Brundibár“. Die Darbietungen der Kinder stießen auf große Begeisterung im Publikum.